LKA-Maulwurf dealte mit Crystal Speed

Geschäfte mit Crystal Speed aus einer vietnamesischen Drogenküche im tschechischen Cheb hat ein 46-Jähriger aus der Oberpfalz bereits im September 2012 vor einer Strafkammer des Landgerichts Würzburg gestanden. Dass er erst jetzt, nach 35 Verhandlungstagen verurteilt wurde, hat damit zu tun, dass der Dealer bei der Regensburger Rocker-Gruppe „Bandidos“ als V-Mann des bayerischen Landeskriminalamtes LKA eingeschleust war.

Seine „Nebentätigkeit“ in der Rauschgiftszene behauptete der Mann vor Gericht hartnäckig immer wieder, sei dem für ihn zuständigen LKA-Beamten im Detail bekannt gewesen: mit den Drogengeschäften habe er sich als Neuer bei den stark abgeschotteten „Bandidos“ Zugang und Respekt verschafft.

Verurteilt wurde Mario F. wegen unerlaubtem Handel und unerlaubter Einfuhr von Betäubungsmitteln unter anderem zu sechs Jahren und zehn Monaten. Die wenigste Zeit davon wird er allerdings im Knast verbringen, denn das Gericht hat die Unterbringung des Mannes, der selbst Crystal Speed konsumierte, in einer Entziehungsklinik angeordnet. Wenn er dort eine Therapie von voraussichtlich zwei Jahren erfolgreich absolviert, könne er damit rechnen, dass die Reststrafe – unter Berücksichtigung der verbüßten Untersuchungshaft – zur Bewährung ausgesetzt wird.

„Hoch gepokert und verloren“

Die Staatsanwaltschaft hatte für den erheblich vorbestraften Mann, der zuletzt in Kondrau bei Waldsassen wohnte, Freiheitsstrafen von insgesamt 16 Jahren beantragt. Oberstaatsanwalt Thomas Trapp sagte im Plädoyer zur kriminellen Potenz des Angeklagten: „Jeder Tag, den der hinter Gittern verbringt, ist ein guter Tag für die Sicherheit der Bevölkerung“. Nichts als „heiße Luft“ sei die Behauptung, dass der zuständige V-Mann-Führer aus dem Landeskriminalamt in München über alle Rauschgiftgeschäfte im Bild gewesen sei. Mario F. lebe in einer Scheinwelt, ein Gutachter habe ihm eine Persönlichkeitsstörung mit paranoiden Zügen attestiert, der Dealer habe hoch gepokert und verloren. Dagegen wollte Volker Zimmermann, Vorsitzender der 5. Strafkammer des Landgerichts nicht ausschließen, dass der ehemalige V-Mann stellenweise auch die Wahrheit sagt, während das LKA „mauert“ oder bestreitet.

Gericht befürchtete „Bandidos“ bei Beerdigung

Als vor kurzem eine Tochter des Angeklagten gestorben war, durfte der Vater nicht an der Beerdigung teilnehmen. Das Gericht begründete seine ablehnende Entscheidung damit, dass es auf dem Friedhof einer Gemeinde im unterfränkischen Landkreis Bad Kissingen, bei einem schwer zu kontrollierenden größeren Personenkreis, zu einem Racheakt der Bandidos auf den ehemaligen „Maulwurf“ kommen könnte. Inzwischen, so einer seiner Anwälte, durfte der Angeklagte unter Ausschluss der Öffentlichkeit das Grab seiner Tochter aufsuchen. Ohne Erfolg hat der ehemalige V-Mann bisher – unter anderem mit einer Petition an den Bayerischen Landtag – zumindest die Aufnahme in ein Zeugenschutz-Programm und seine Verlegung in eine andere Strafanstalt beantragt.

Als unterfränkische Rauschgiftfahnder 2011 die Telefone Verdächtiger im Großraum Kitzingen überwachten, fiel eine 24-jährige Hartz-IV-Empfängerin dadurch auf, dass sie bei Crystal Speed-Bestellungen ihren Lieferanten häufig „Papa“ nannte. Die Kripo vermutete zunächst, dass es sich dabei um einen Spitznamen handle. Erst später stellte sich heraus, dass der Dealer aus der Oberpfalz tatsächlich der Vater der jungen Frau ist. Angeblich wollte er der Tochter mit Crystal aus Tschechien , Topqualität „auf Kommission“, aus einem vorübergehenden finanziellen Engpass heraus helfen.

Die junge Frau, die den Papa um Geld gebeten hatte, aber stattdessen Crystal Speed zum Weiterverkaufen bekam, ist im April 2013 zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und zwei Monaten verurteilt worden. Sie hatte vorübergehend den Großraum Kitzingen mit der gefährlichen Droge versorgt und nach ihrer Festnahme umfangreich ausgepackt.

Vorwürfe gegen das LKA

Für Norman Jacob ( Würzburg) , einen der Verteidiger von Mario F., hat das Bayerische Landeskriminalamt während des Prozesses in höchst bedenklicher Weise versucht, in die Beweisaufnahme einzugreifen und zu bestimmen, was das Gericht erfahren darf und was nicht. Daher sei das kein fairer Prozess mehr gewesen und deswegen beantragte er, wenn auch erfolglos, die Einstellung des Verfahrens. Und der Vorsitzende Richter nannte es, auf gleicher Wellenlänge, absolut unbefriedigend, wenn ein Gericht feststellen muss, dass man einige wichtige Punkte nicht aufklären konnte, obwohl man nichts unversucht ließ. Verurteilen könne ein Gericht aber nur für Taten, die man nachweisen konnte, sonst müsse man – wie in diesem Fall – in erheblichem Umfang nach dem Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“ entscheiden.

Zehn Gramm Crystal im Slip

Als überzeugenden Beweis dafür, dass die Dealer-Rolle des V-Mannes beim LKA bekannt war und gefördert wurde, bezeichnete die Verteidigung eine Kontrolle und vorübergehende Festnahme des Mandanten im November 2011 bei Waldsassen im Rahmen einer der dort üblichen „ verdachtsunabhängigen Schleierfahndung“ in Grenznähe. Dass Mario F. sich den Rauschgift-Fahndern als eine Art Kollege vorstellte, der grad beruflich drüben in Tschechien zu tun hatte, hat die zunächst einmal überhaupt nicht beeindruckt. Als die Oberpfälzer Polizeibeamten „nachfassten“, fanden sie im Slip des Autofahrers zehn Gramm Crystal. Auf der Polizeiinspektion in Waldsassen nannte der Mann Namen und Telefonnummer eines LKA-Mitarbeiters, seines V-Mann-Führers, der unverzüglich von seiner Festnahme verständigt werden müsse.

Zwei Stunden später war der Festgenommene wieder frei und fuhr mit seinem LKA- „Dienstfahrzeug“ vom Hof der Waldsassener Polizei . Dass bei der Kontrolle in der Ablage der Fahrertür griffbereit ein Klappmesser lag, spielte in dem Fall ebenfalls keine Rolle. Der V-Mann sagte zur Erklärung, dass ein „Bandido“ immer sein Messer griffbereit haben müsse und das genügte. Jeder andere wäre unter diesen Umständen, so die Verteidiger, sofort in die Untersuchungshaft eingerückt, gegen Mario F. wurde nicht einmal ein Verfahren eingeleitet.

Und es gibt einen weiteren Hinweis darauf, dass das LKA die Drogengeschäfte seines V-Mannes begleitet hat. Kurz vor der Festnahme der Dealer-Tochter durch Würzburger Kripo-Beamte bekam die junge Frau einen Anruf vom Papa. Sie solle aufpassen, die Polizei wisse alles, teilte der mit. Dass das Telefon der Tochter überwacht wurde, konnte er nicht ahnen. Die Warnung erfolgte kurz nachdem ein Würzburger Kripo-Beamter sich mit dem V-Mann-Führer des Landeskriminalamtes über den bevorstehenden Zugriff unterhalten hatte, berichtete der vor Gericht.

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Nordbayerischer Kurier Bayreuth
Nordbayerischer Kurier Bayreuth

von Franz Barthel am  11. August 2013