V-Mann Prozess: Eine Totgeglaubte taucht auf

 

Mario F. hat eine Sorge weniger – LKA  versuchte ihn bei Kollegen als „paranoid“ anzuschwärzen

Über sieben Jahre Haft. Kandidat auf der schwarzen Liste einer kriminellen Rockerbande. Acht Millionen Euro Schulden. Eine schleppende und ungewisse  Rehabilitierung vor Gericht. Sorgen hat der ehemalige „Bandido“-V-Mann Mario F. genügend. Und doch kann er jetzt wieder etwas ruhiger schlafen. Ein Zeuge im zweiten V-Mann-Prozess nahm ihm nämlich eine schlimme Angst.

Es war die Angst um das Leben einer Prostituierten. Milena B., eine Frau aus Tschechien, die der bei den Regenburger „Bandidos“ eingeschleuste V-Mann Mario F. aus Tschechien nach Deutschland und in einen Rocker-Puff nach Oberhausen ins Ruhrgebiet gebracht hatte. Milena B. verschwand nach einer rauschenden Geburtagsparty für einen dänischen Rockerboss spurlos. Mario F. hatte stets befürchtet, Milena B. sei etwas schlimmes zugestoßen.

„Sie wurde zehn Monate nach der Geburtstagsparty in München kontrolliert“, erklärte am Mittwoch ein Ermittler der Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen am 13. Verhandlungstag im Zeugenstand des zweiten V-Mann-Prozesses. Und im Gerichtssaal konnte man die Erleichterung des Angeklagten spüren. Er hatte immer gesagt: „Milena war eines meiner Mädchen, ich fühlte mich für sie verantwortlich.“

Der Zeuge, Chef der für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität zuständigen Dienststelle des LKA in Oberhausen, berichtete als Zeuge, dass Mario F. im Sommer 2013 für seine Dienststelle ein interessanter Zeuge war: Mario F. hatte in seinem ersten Prozess in Würzburg berichtet, dass er zunächst Tschechische Frauen in ein von Rockern geführtes Bordell nach Oberhausen geliefert hatte. Nach dem Verschwinden von Milena P. wollte Mario F. nichts mehr mit Frauenhandel zu tun haben. Fortan beteiligte der V-Mann sich an Drogenlieferungen. Crystal Speed, im Oberhauser Raum eine seltene und teure Droge, wurde von Regensburger „Bandidos“ an die Oberhauser Rocker geliefert – im Gegenzug sollen die Regensburger Rocker günstiges Kokain aus Westdeutschland bekommen haben.

Diese Drogenlieferungen stießen bei den Oberhauser OK-Ermittlern auf großes Interesse. Der Zeuge bestätigte, man habe den Chef der Oberhauses Rocker lange im Visier gehabt. Die Aussage von Mario F. über Crystal-Lieferungen sei überprüft worden. Doch „leider“ habe die Geschichte des V-Manns nicht verifiziert werden können. Weil die Drogenlieferungen konspirativ abgewickelt wurden, fehlten Adressen von Übergabeorten, Namen von Dealern – Beweise also, die den Oberhauser Rockerboss mit den Deals in Verbindung bringen konnten.

Er hätte gute Chancen auf den Zeugenschutz gehabt

Der westdeutsche OK-Ermittler ließ durchblicken, dass Mario F. gute Chancen gehabt hätte, in Nordrhein-Westfalen in den Zeugenschutz zu kommen, wenn man die erhofften Beweise gefunden hätte. Man habe Mario F. eingehend befragt – trotz der Tatsache, dass der zu dieser Zeit vom bayerischen LKA fallen gelassene V-Mann eben vom bayerischen LKA und von einem Würzburger Staatsanwalt als möglicherweise „paranoid“ dargestellt worden sei.

Mario F. steht, wie mehrfach berichtet, in seinem zweiten Prozess vor Gericht, weil der Bundesgerichtshof einen Teil seiner Strafe zur Überprüfung an das Landgericht in Würzburg zurückverwiesen worden ist. In diesen Prozess platzten die Ermittlungen gegen Mario F.’s V-Mann-Führer und andere LKA-Leute. Die Ermittlungen einer Spezialdienststelle der Nürnberger Kripo legen nahe, dass mehrere bayerische LKA-Leute bei dem aus dem Ruder gelaufenen Infiltrationseinsatz von Mario F. Straftaten begangen haben könnten und die wahren Hintergründe des V-Mann-Einsatzes im ersten Prozess zum Eigenschutz verschleiert haben könnten.

Dies ist ein Steilpass für die Verteidiger des Ex-V-Manns. Sie sind überzeugt, Mario F. könne für einen Drogenschmuggel von rund zehn Gramm Crystal über die Grenze bei Waldsassen im November 2011 nicht bestraft werden. Der V-Mann habe aufgrund seiner Erfahrungen mit seinem V-Mann-Führer – der mehrfach Straftaten des V-Manns verschleiert und gedeckt haben soll – gedacht, sein Drogenschmuggel sei „im Dienst der Sache“ gerechtfertigt. Allerdings gibt es keinen Beweis, dass das bayerische LKA vom Waldsassen-Schmuggel wusste, ihn billigte oder ihn gar anordnete.

Der Prozess wird fortgesetzt.

 

Würzburg Von Manfred Scherer gefunden in der Printausgabe am 12.05.2016

Aktualisiert am 16.05.2016: Jetzt auch online gefunden auf Nordbayerischer

Nordbayerischer Kurier Bayreuth
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