Wenn die Polizei vor der Polizei warnt

Vieles deutet darauf hin, dass das Landeskriminalamt einen Drogendealer und Spitzel vor der Kripo schützte.
Der sechste Tag im Würzburger V-Mann-Prozess läuft gar nicht gut für das Landeskriminalamt (LKA). Im Kern geht es in dem Prozess um die Frage, ob ein früheres Mitglied der Rockergruppe „Bandidos“ mit Drogen gehandelt hat, weil er glaubte, dass das vom LKA geduldet oder gar gedeckt wird. Oder ob der Ex-Bandido seine Funktion als Spitzel im Dienst des Staates, als sogenannter V-Mann, ausgenutzt hat, um ungehindert mit Crystal handeln zu können. An diesem Tag sagt ein früherer Drogenfahnder als Zeuge aus. Er kommt in der Zusammenschau aller Indizien zur Einschätzung: „Ich muss sagen, leider Gottes sind wir verarscht worden.“ Mit „wir“ meint er die Kriminalpolizei. Von wem denn die Kriminalbeamten verarscht worden seien, möchte der Richter wissen. „Vom LKA“, sagt der Ex-Fahnder.

Der Kriminalbeamte hat lange als Drogenfahnder gearbeitet, inzwischen ist er pensioniert. An den Fall im Jahr 2011 aber kann er sich gut erinnern. Er und seine Kollegen oberservierten eine Frau, die von einem Mann mit Drogen aus Tschechien versorgt wurde und diese weiterverkaufte. Ihren Dealer sprach die Frau am Telefon mit „Papa“ an, dass es wirklich ihr leiblicher Vater war, darauf kam man spät. Als die Ermittler dahinter kamen, um wen es sich handelte, und in den Computer schauten, stand da eine Handynummer, die man bei etwaigen Ermittlungen gegen den Mann anrufen solle. Das machten die Fahnder. Ans Telefon ging ein LKA-Mann. Der sagte ihnen, dass sie da einen Mann im Visier hätten, der das LKA mit Informationen über die Bandidos versorge. Und dass man schon lang nach so einem Spitzel gesucht und ihn nun endlich gefunden habe.

Er, der Drogenfahnder, habe dem LKA-Mann dann gesagt, dass man ihren V-Mann im Visier habe und dies auch so bleibe. Denn Straftaten begehen darf natürlich auch ein LKA-Spitzel nicht, erst recht nicht dessen Tochter. Keine Stunde nach dem Gespräch mit dem LKA-Mann habe man dann ein aufgeregtes Telefonat zwischen Vater und Tochter abgehört, in dem es offenbar darum ging, dass man ins Visier von Drogenfahndern geraten sei. Er mache keinen Hehl daraus, sagt der pensionierte Beamte: „Für mich steht das fest, dass er vom LKA gewarnt worden ist.“

Zumal sie einmal das Auto des Spitzels nach einer Tschechien-Fahrt durchsuchten, aber keine Spur von Rauschgift fanden. Die Tochter des Spitzels habe sich das später nicht erklären können, der Vater habe eigentlich immer was dabei gehabt. Der Spitzel selbst habe erklärt, er habe damals einen Anruf vom LKA bekommen, demzufolge er „mit Besuch rechnen“ müsse, also von Fahndern kontrolliert werde. Der Kripo-Mann hält das alles für plausibel. Man habe ja auch im ersten Prozess schon versucht, den wegen Drogenhandels angeklagten Ex-Spitzel für einen „Lügenbeutel“ zu erklären, für einen Wahnsinnigen. Er aber habe immer gesagt: „Wenn auch nur 30 Prozent von dem stimmen, was er sagt, dann wäre das auch schon viel.“

Der Angeklagte wurde im ersten Verfahren in Würzburg zu fast sieben Jahren Haft wegen Drogenhandels verurteilt. Im Revisionsprozess stehen seine Karten nun besser: Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen sechs LKA-Beamte unter anderem wegen möglicher Strafvereitelung im Amt. Im März sollen frühere LKA-Beamte als Zeugen aussagen.

Von Olaf Przybilla, Würzburg – Artikel aus:

sueddeutsche Zeitung